Der Westernreiter

Ein Mensch, der meistens froh und heiter, entscheidet: Er wird Westernreiter!
Der Zeit zuviel ist schon verflossen in seinem Leben ohne Zossen.
Der Traum, er wird nun endlich wahr, den er geträumt so manches Jahr.

Kaum ist es ihm jedoch gelungen, dass er sich dazu durchgerungen,
da fällt ihm immer wieder auf: Ich bin noch nicht so richtig drauf!
Wie diese Westernreiter tönen, da muss man sich erst dran gewöhnen.

Ein Pferd hab ich mir kaufen wolln, da hör ich andre Cowboys grolln:
mein Lieber, was du brauchst, of course, das ist kein Pferd, sondern ein Horse.
Ne Satteldecke er gern hätt, doch verkauft man ihm ein Pad.

Zum Zaumzeug, das ist er gewiss, gehört auch immer ein Gebiss.
Doch als er dann den Store betritt, verkauft man ihm doch glatt ein Bit.
Und etwas kommt ihm spanisch vor: man reitet auch mit Hackamore.

Die Zügel werden Reins genannt, man hält sie oft in einer Hand.
Neck Reining heißt das - dieses Zeichen des Westernreitens zu erreichen,
muss fleißig üben man zu Haus, sonst sieht es nämlich grausam aus.

Der Mensch weiß nicht, wie ihm geschieht, er hört von Stopps und auch von Speed
Control und außerdem von Lead Changes, Back Up, Roll Back, Score Sheet,
Von Leo, King, Three Bars, Joe Reed und was ein Judge so alles sieht ...

Eins macht für ihn das Maß fast voll: ein Pferd gut spinnen können soll!
Damits ihm nicht an Frischluft fehl, Geht er im Wald mal auf den Trail.
Und findet, dass trotz all dem Mist das Westernreiten Pleasure ist..

 

 

Der "California-Style"

Die Reitweise der Hidalgos und Vaqueros, die normalerweise auf großen freien Flächen arbeiten konnten und mussten, erforderte ein Pferd, das auf seinen Reiter vollkommen eingespielt war. Die Ausbildung der Pferde begann mit dem vierten oder fünften Lebensjahr und dauerte in der Regel drei Jahre. Verständlich, dass diese Pferde das Wertvollste waren, was ein Spanier besaß. Um diesen Besitz mit dem nötigen Stolz darbieten zu können, wurden kunstvolle Sättel und Gebisse aus Silber verwendet. Auch in den Wettkämpfen der Reiter wurde auf höchste Präzision der Ausführungen und auf spektakuläre Darbietungen Wert gelegt. Die Vorfahren der Vaqueros hatten in Spanien Stierkampf- und Kriegspferde ausgebildet, zu deren Bewegungsabläufen Pirouetten, Levaden und Kapriolen gehörten. Von dieser Reittechnik wurden alle Bewegungsmanöver in brauchbarer Form abgeleitet und übernommen, die der Vaquero für die Herdenarbeit verwenden konnte.

Die alten spanischen Ausbildungsgrundlagen und Prinzipien bildeten demnach die Basis der Westernreitfiguren. Rasante Wendungen, harte schnelle Stopps, Drehungen auf der Hinterhand und lange Sliding Stopps sind diese Figuren. Selbstverständlich ist der korrekte Galopp auf der richtigen Hand und der fliegende Wechsel in dieser Reitweise obligat. Das alles setzt einen Pferdeathleten voraus, der grundsätzlich auf der Hinterhand arbeitet und ausschließlich mit Gewichtshilfen dirigiert wird. "The loose rein", der lose Zügel, vermittelt dem Pferd das Signal "Alles in Ordnung". Erst die Zügelanlehnung an einer beliebigen Halsseite veranlasst das Pferd, eben diesem Zügel zu weichen. Dasselbe gilt für die Schenkel des Reiters. Die einhändige Zügelführung setzt ein völlig durchlässiges Pferd voraus, das sich und seinen Reiter in Selbsthaltung auf der aktiven Hinterhand trägt. Die höchste Vollendung ist dann erreicht, wenn ein Pferd einhändig im Neck Reining geritten werden kann. Da die Pferde ab dem fünften Lebensjahr einhändig im Bit, das heißt auf blanker Kandare, geritten werden müssen, um an Wettbewerben teilnehmen zu dürfen, ist die Durchlässigkeit dieser Pferde eine unbedingte Voraussetzung.

 

Der "Texas-Style"

Abseits vom California-Style entwickelte sich bei den Nordamerikanern ein Reitstil, der zwar ebenfalls auf der Grundlage der spanischen Reitweise fundierte, jedoch den Gebrauchsweisen der Viehtriebe angepasst werden musste. Die Eisenbahnlinien waren bis Kansas vorgedrungen, die Großstädte des Ostens brauchten Fleisch, das nach dem Bürgerkrieg im Westen im Überfluss vorhanden war. Doch irgend jemand musste die wilden Longhornherden einfangen und zu den Verladebahnhöfen in den Rinderstädten treiben. Namen wie Abilene, Dodge City, Wichita, Ellsworth und Tombstone sind hinlänglich bekannt. In der Zeit zwischen dem Ende der 60er Jahre und Anfang der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts fanden die großen Viehtriebe über den legendären Chisholm-Trail statt. In dieser Zeit wurden nahezu vier Millionen Rinder aus Texas zu den Verladebahnhöfen getrieben. Die Herdenbesitzer heuerten heimatlose Männer an, die bereit waren, für ein paar Dollar am Ende des Trails die Entbehrungen und Strapazen eines solchen Abenteuers auf sich zu nehmen. Banditenbanden lauerten den Herden auf. In den Städten wurden alle jene, die den Viehtrieb überstanden hatten, von Glücksrittern aller Art skrupellos um den kargen Verdienst gebracht.

Die für den Trail notwendigen Pferde wurden von Wildpferdjägern eingefangen und innerhalb von drei bis vier Wochen eingebrochen. Ein Cow-Pony galt bereits als zugeritten, sobald es einen Menschen auf seinen Rücken duldete und lenkbar war. Diese Broncos waren noch immer halb wild, wenn sie zum Einsatz kamen, und wurden erst mit der Zeit zu brauchbaren Reitpferden. Am Ende des Trails wurden Pferde wie Rinder verkauft, wobei ein rittigeres Pferd den besseren Preis erzielte.

Ein Wandel in der Viehwirtschaft ergab sich erst nach dem Katastrophenwinter am Ende des 19. Jahrhunderts, dem fast alle in den nördlichen Staaten lebenden Rinder zum Opfer fielen.Die bisher nur als Saisonarbeiter beschäftigten Rinderhirten wurden nun ganzjährig beschäftigt. Es änderte sich auch der Rinder- und Pferdetyp. Aus den robusten und angriffslustigen Longhorns war durch gezielte Züchtungen eine kräftige Fleischrinderrasse entstanden. Die ehemals halbwilden Broncos der Texaner, meist nicht größer als 1,40 m, wurden mit Clydesdale oder Percherons gekreuzt. Der daraus entstandene schwerere Arbeitspferdetyp wurde unter Beimischung von englischem Vollblut zur Rasse des bekannten "American Quarter Horse". Die Arbeitstechniken änderten sich ebenso wie die Reitweise. Für spezielle Aufgaben, wie das "Roping", das Einfangen der Rinder, oder das "Cutting", das Aussortieren eines Rindes aus der Herde, verwendete man besonders talentierte Pferde, deren spezielle Veranlagung in einer über 50-jährigen Zucht gefördert wurden.

 

Zusammenfassend kann man sagen:

Der kalifornische Vaquero war Reiter aus Tradition und Überzeugung. Ihm war die Arbeit in und mit der Herde seit Generationen geläufig. Er trainierte sein Pferd, welches sein persönliches Eigentum und gleichzeitig sein wertvollster Besitz war, nach herkömmlichen Ausbildungsverfahren der spanischen Reittradition.

Der texanische Ranchreiter, ursprünglich Saisonarbeiter, war vom Schicksal plötzlich zum Reiter bestimmt worden. Bei ihm hatte die Betreuung der Rinder im Vordergrund zu stehen. Die Pferde waren nur Mittel zum Zweck.

Doch für beide galt, ohne diesen Arbeitspartner Pferd konnten sie ihre Arbeit nicht leisten. Ihr eigenes Wohlergehen hing zwangsläufig von der Einsatzfähigkeit ihrer Pferde ab. Die gemeinsamen Strapazen, Hitze, Durst, Müdigkeit und Anstrengung entwickelten ein Gefühl der gegenseitigen Partnerschaft, welches ein hohes Maß an Respekt und Fairness gegenüber dem Partner Pferd hervorrief. Der Ursprung der Westernreiterei und der Western Horsemanship ist hier zu finden.

 

Gegenwart:

Durch die fortschreitende Besiedlung der USA, die zunehmende Industrialisierung und die wachsende Bevölkerungszahl wuchs das Bedürfnis nach der Freizeitreiterei. Es lag daher nahe, dass die überlieferten Gesetzmäßigkeiten der Vaqueros übernommen wurden, da der zur Verfügung stehende Pferdetyp diesem Fundamentalismus optimal entsprach. Ist doch das American Quarter Horse die zahlenmäßig größte Pferderasse der Welt. In der Sportreiterei wurden die Veranlagungen für die speziellen Disziplinen noch weiter selektiert, so dass schließlich hoch spezialisierte Pferdetypen zur Verfügung standen.

Die Verbreitung des Quarter Horse auf die Länder Europas, besonders Italien, Deutschland und Österreich, hatte begonnen und wird mehr und mehr fortgesetzt. Stehen doch in diesen Ländern hochwertige Deckhengste und Zuchtstuten zur Verfügung, um die Verbreitung dieser Pferderasse zu erreichen. Die Ausbildung dieser Pferde geschieht nach den alten Prinzipien, allerdings etablieren sich moderne Trainingsmethoden, welche ständig perfektioniert zu einem Höchstmaß an Leistung führen. Feste Regeln in den einzelnen Disziplinen und eine der Tradition entsprechende Kleidung und Ausrüstung zeichnen diese Sportart aus. Für Turniere sind neben geprüften und anerkannten Richtern aus dem Inland auch ausländische Richter vorgeschrieben.

Alles in Allem sind die Disziplinen des Westernreitens ebenso fundamentiert wie die bei uns häufigere, englische Reitweise. Das Ausbildungsziel, ein losgelassenes, in Selbsthaltung an den Hilfen stehendes Reitpferd, ist beiden Reitweisen gemeinsam. Lediglich die Art der Hilfen ist unterschiedlich, wenn auch in jeder der beiden Arten traditionell gewachsen. Bei der Beurteilung der notwendigen Anforderungen an das "western" gerittene Pferd muss man voraussetzen, dass dieser Reitstil aus der aktiven Arbeitsanforderung entstanden ist. Das Pferd wurde ausschließlich dazu ausgebildet, um mit ihm Arbeit verrichten zu können. Ein wesentlicher Unterschied zum "englisch" gerittenen Pferd ist die Tatsache, dass die Arbeitsobjekte von der Reaktionsfähigkeit her dem Menschen deutlich überlegen sind und somit der Instinkt und die Reaktionsfähigkeit des Pferdes eine unbedingte Voraussetzung für die Funktion dieser Arbeitssymbiose waren und sind. Weil das so war, ist der Begriff "loose rein", der lose Zügel, überhaupt erst entstanden. Damit ist die Basis der Kommunikation zwischen Reiter und Pferd eine grundsätzlich andere, als beim "englisch" gerittenen Pferd. Solange der lose Zügel, nicht zu verwechseln mit einem weggeworfenen Zügel, dem Pferd signalisiert "alles in Ordnung", wird dieses weder Gangart noch Tempo wechseln. Da die Ausbildung des Pferdes dieses gelehrt hat, dass jederzeit eine Aktion von ihm verlangt werden kann und dass einer Aktion immer eine aktive Zügeleinwirkung vorausgeht, erhält eben dieser lose Zügel die Aufmerksamkeit des Pferdes. Die korrekte Ausbildung hat das Pferd auch gelehrt, sich auf der Hinterhand in Selbsthaltung zu tragen und der Vorhand nachzulaufen. Das Pferd weicht immer dem an der jeweiligen Halsseite anliegenden Zügel und dem gleichseitigen Schenkel. Durch Gewichtshilfen, der so genannten Körpersprache, wird das Tempo vermindert oder erhöht. In den einzelnen Übungen, die vom Prinzip her der Arbeit an den frei lebenden Rindern entsprechen, wurden im Turnierbewerb Verfeinerungen und Abwandlungen eingeführt, die eine immer strengere und individuellere Spezialisierung des Pferdes verlangten.

Die Zucht sorgte mit der Selektionsauswahl dafür, dass immer hochwertigere Pferdeathleten entstanden, die in der Lage waren, die gültigen Anforderungen des Turnierbetriebes perfekt auszuführen. Beispielsweise ist der "Sliding Stopp" eine verzögerte Stopp-Bewegung des Pferdes aus sehr hohem Galopptempo, eine reine Aktion der Show. Bei der Arbeit am Rind ist ein solcher Stopp, bei dem das Pferd bis zu mehr als 8m vorwärts gleitet, nicht brauchbar. Dennoch ist der Sliding Stopp aus dem Stopp bei der Rinderarbeit entstanden. Ähnliches gilt für den Spin, eine Drehung auf der Hinterhand. Bei der Arbeit am Rind gibt es keine ganze Drehung, wenn das Rind die Richtung wechselt. In der Arena wird sie bis zur vierfachen Drehung in die Bewertung genommen, wobei Haltung des Pferdes und Tempo der Drehung wesentliche Beurteilungskriterien sind. Die Definition der "Westernreit-Philosophie" besagt, dass das Ergebnis aller Ausbildung ein Pferd sein sollte, das in Selbsthaltung taktmäßig auf der Hinterhand vorwärts geht und dabei imstande ist, das Gewicht des Reiters zu tragen. Dies muss in allen Grundgangarten möglich sein. Es entspricht der Mindestanforderung, auf der für die Verwendung von Pferd und Reiter zum Show- und Turniergeschehen aufgebaut werden kann. In der Folge wird der Ausbildungsfortschritt durch Erreichung der Leistungsgrenze von Pferd und/oder Reiter bestimmt, die in der Bewertung durch die Richter ihre Beurteilung findet. Das voll ausgebildete Pferd muss im Neck Reining einhändig geführt und auf Westernkandare gezäumt in der Show vorgestellt werden. Ein wesentlicher Unterschied zu der eingangs angeführten Ausbildungs- und Reitweise der Vaqueros besteht heute leider darin, dass junge Pferde, die Turnier gehen sollen, oft bereits mit zwei Jahren angeritten, in möglichst kurzer Zeit und wenig sanft ausgebildet, mit drei bis vier Jahren geshowt werden, und dann mit acht oder neun Jahren als „Freizeitpferd“ verkauft oder gegebenen Falles der Zucht zugeführt werden, weil die Gliedmaßen dementsprechend abgenützt bzw. kaputt sind. Wir kennen auch so manchen Turnierreiter, dessen Pferd noch nie außerhalb des Reitplatzes geritten wurde und deshalb in der freien Natur kaum oder nur nach langer Gewöhnungszeit zu gebrauchen wäre. Vieles dabei ist Profilierungs- und/oder Geschäftssache, wo manchmal das Tier auf der Strecke bleibt. Westernreiterei und Western Horsemanship ist also nicht zwangsläufig miteinander verbunden!